GKKD Gattwinkel Kommunikation für Kirche und Diakonie

Theologie kirchlich-diakonischer Öffentlichkeitsarbeit

1. Öffentlichkeit als Bezugsgröße kirchlich-diakonischen Handelns

Kirche und Diakonie sind grundsätzlich öffentliche Dimensionen des christlichen Glaubens. Dabei ist die Öffentlichkeit keine zufällige oder beliebige Dimension, sondern von Anfang an wichtige Bezugsgröße kirchlich-diakonischen Handelns.

2. Kirche und Öffentlichkeit als Gegenüber

In der Tradition der christlichen Kirchen ist diese Dimension der Öffentlichkeit über lange Zeit so verstanden worden, dass die Kirche ihre Botschaft in die (nichtkirchliche) Öffentlichkeit hinein zu verkündigen habe. Seit der Zeit der Säkularisierung und der Entfremdung weiter Teile der Gesellschaft von der Kirche wurde deutlicher, dass zu der Verkündigung des Evangeliums die angemessene Wahrnehmung des Gegenübers gehört. Dieses Wahrnehmen wurde in einem ersten Sinn strategisch verstanden. Um die Menschen zu erreichen, wollten die Kirchen möglichst viel von ihnen wissen. Dieser Ansatz war weithin pragmatisch begründet: Die Menschen sollten »dort abgeholt werden, wo sie sind«. Hinter dieser Denkweise stand und steht erkennbar die Absicht einer monologischen Verkündigung, die das Interesse an dem Gegenüber verzweckt.

3. Kirche und Öffentlichkeit im Miteinander

Erst in jüngerer Zeit hat sich teilweise die Einsicht durchgesetzt, dass der Kontakt zwischen den Kirchen und der Öffentlichkeit ein vielfältiger ist, einer, der beide Partner nicht unverändert lässt. Begegnungen mit moderner Kunst und Musik, mit Formen des Theaters und des Tanzes, mit modernen Medien, aber auch mit Erkenntnissen der Biologie, der Psychologie und der Philosophie lassen die Kirchen (und ihre eigene Theoriebildung, die Theologie) nicht unverändert.

4. Differenzierte Formen der Kirchenmitgliedschaft

Zugleich erleben die Gemeinden vor Ort, dass ihre traditionelle Art, den christlichen Glauben zu leben, aus unterschiedlichsten Gründen immer weniger Menschen anspricht. Ohne Zweifel sind in theologischer Perspektive Wort und Sakrament immer noch die Mitte der versammelten christlichen Gemeinde. Aber der überwiegende Teil der Gemeindeglieder hat eine Form der »distanzierten« Kirchenmitgliedschaft gewählt, die entweder nur punktuell Angebote der Gemeinde wählt (etwa bei Kasualien oder Gottesdiensten zu Weihnachten) oder die Kirche nur noch über Medien wahrnimmt. Belege dazu finden sich etwa in den Ergebnissen der vierten Kirchenmitgliedsuntersuchung.

5. Öffentlichkeitsarbeit als Schanier zwischen Kirche und Öffentlichkeit

Damit ergeben sich zwei aufeinander bezogene Gründe, die kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit zu qualifizieren und zu intensivieren: Zum einen kann Öffentlichkeitsarbeit den Kirchen Material und Anknüpfung bieten, um den Dialog mit der sie umgebenden Öffentlichkeit zu verbessern und sich dadurch selbst immer wieder zu befragen, ob ihr Handeln und ihre Gestalt ihrem Auftrag dienlich sind. Zum anderen kann kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit dazu beitragen, dass Gemeinden und Einrichtungen, also Kirche und Diakonie, in der Gesellschaft verstärkt als wesentlicher Teil eben dieser Gesellschaft wahrgenommen und erlebt werden.

6. Kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit als Verständigungsarbeit

Im Rückbezug auf die dargestellte Begriffsbestimmung von kirchlich-diakonischer Öffentlichkeitsarbeit wird deutlich, dass in vielen Fällen ein Paradigmenwechsel nötig ist: So herrschte (und herrscht vielerorts) häufig noch die Vorstellung, Öffentlichkeitsarbeit sei Verkündigung. Entsprechend können Buchtitel formuliert werden: »Werbung für Gott«. Die Wahrnehmung der Adressaten ist rein instrumentell, um nämlich derart die eigene Botschaft besser an den Mann/die Frau zu bringen. Demgegenüber gilt es, einen auch theologisch begründeten Wechsel zu einer an Verständigung orientierten Öffentlichkeitsarbeit voranzutreiben. Die Entwicklung etwa in der Missiontheologie der letzten zwei jahrzehnte belegt, die produktiv eine dialogisch geprägte Haltung sein kann, die dennoch um ihre eigene klare (Ausgangs)Position weiß.

7. Kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit als Querschnittsaufgabe

In der Umsetzung bedeutet das: Kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit ist »Querschnittsaufgabe«. Querschnittsaufgaben sind grundsätzlich allen Gemeindegliedern aufgegeben, auch wenn sie in der differenzierten Struktur der Gemeinden und Kirchen deligiert und professionalisiert wurden.

8. Fazit und (Wieder)Anfang

Letztlich gilt: Kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit ist Lebens- und Wesensäußerung der Kirche.


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